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Dierich Evers
Das Kultholz der Wiederkehr
 
Seit 30 Jahren sind Anneliese und Dietrich Evers für ihre Felsbildforschung und Experimentelle Archäologie bekannt. Gletscher der Eiszeit schliffen die Felsen Skandinaviens und der Alpen glatt, so daß vorgeschichtliche Völker - Jäger und Sammler zuerst, dann die Bauern - ihre kultischen Felsbilder frei zutage liegend (also nicht in Höhlen) eingravieren konnten. Diesen Bildern gilt die wissenschaftliche Arbeit der beiden Evers. Sie machen von den eingetieften Bildlinien Abreibungen auf Papier nach demselben Verfahren, wie jeder von uns schon eine Münze mit Papier bedeckte und mit der Rückseite eines Holzbleistifts abrubbelte. Bei Felsbildern jedoch macht man das auf viele Quadratmeter große Rollenpapiere mit geeigneteren Mitteln. Zur Erklärung der hieroglyphenartig oft bis aufs Letzte vereinfachten Bildzeichen stellten beide Evers Rekonstruktionen her. Mit diesen wurden dann Funktionsversuche angestellt. So kamen sie zur Experimentellen Archäologie, die nunmehr auch den Bumerangs gilt.
Der nachfolgende, leicht für unsere Zwecke abgeänderte Abschnitt des neuen Buches von Dietrich Evers "Felsbilder arktischer Jägerkulturen des steinzeitlichen Skandinaviens" (Franz Steiner Verlag, Postfach 10 15 26, 7000 Stuttgart 10) beschäftigt sich mit Bumerangs.
 

Der Angermanälv in Nordschweden fließt etwa in der Mitte zwischen Stockholm und der finnischen Grenze in den Bottnischen Meerbusen. Bei der kleinen Ortschaft Näsäker, ca. 320 km südlich des Polarkreises, bildet der Fluß recht breite und hohe Stromschnellen, zwischen denen Felseninseln stehen bleiben, auf welchen die erstaunlichsten Felsgravuren des Nordens zu finden sind. Man kann sie nur schwer datieren. Man geht nicht fehl, wenn man den Beginn der Felsbildtätigkeit am Angermanälv nach 3000 v.Chr. in die Steinzeit verlegt. Diese Bilder sind wohl nie unbekannt gewesen, zumal im Bereich der Katarakte seit der Vorzeit Lachsfang betrieben wurde. Die meisten dieser Zeichnungen - mit Feuerstein in die Felsoberfläche geschlagen - zeigen Motive von Jägervölkern: Elche und Lachse, Boote und die Jäger selbst mit ihren Jagdwaffen und kultischen Gegenständen in den Händen.
 
Der Zweck der auf den Felsen dargestellten Jagdwaffen des Nämforsen am Angermanälv ist in jedem einzelnen Fall bekannt. Speer, Harpune, Lyngbybeil und Jagdbogen haben jeweils eine andere Bestimmung. Allein die Wirkungsweise der Wurfhölzer war bisher nicht befriedigend geklärt worden. Kompakte Waffen dieser Art, die an ihrem oberen Ende in einen Keulenkopf oder irgendwie gestalteten Krümmer auslaufen, sowie mehr oder weniger gebogene Schlag und Wurfhölzer können sowohl im gestreckten Flug geradeaus geworfen werden als auch im rotierenden Flug dahinfliegen. Ihre Flugbahn ist waagerecht.
 
Wir untersuchten beide Wurfphänomene und waren von der starken Schlagkraft dieser Spezies erstaunt. Fast weltweit sind derartige massive Wurfwaffen für Jagd und Kampf verwendet worden. Man sah sie meist fälschlicherweise als Rückkehrhölzer an. Von etlichen Formen dieser Art, die im Bereich der jungsteinzeitlichen Bauerndörfer von Egolzwil/Schweiz im Wauwilermoos geborgen wurden, sind wir über ihre vielfältig rundlichen oft abgeflachten Querschnitte gut informiert.
 
Von Australien wissen wir, daß es Rückkehrhölzer gibt, die im Gegensatz zu den in einer Richtung geworfenen Jagdhölzern einen plankonvexen, recht gewissenhaft bearbeiteten Zuschnitt haben und bis zu 90 Grad geknickt sind. Ihre beiden, meist symmetrischen Schenke sind propellerartig gegeneinander leicht verdreht, was man nachträglich durch Erhitzen oder Wässern und gegenseitiges Spannen bewirkt. Bereits bei den ersten Untersuchungen der Felsbilder des Nämforsen in den siebziger Jahren fielen uns am Flußufer des Angermanälv die wenig beachteten Krummhölzer auf. Als wir dann bei unserer Sonderausstellung im Landesmuseum Kassel "Jäger und Bauern" 1983 erstmals einen auf dem Felsen originalgroß erscheinenden Bumerang in Holz neben der Papierabreibung präsentierten, waren wir bedacht, ihn mit den Mitteln der Jäger herzustellen.
Ein geeignetes Astknie fand sich schließlich. Das Abschlagen erfolgte im Biberschnitt. Als wir das Holz aufspalteten, hatte der Krümmer natürlich einen Drall, der durch den "mitsünnigen" Wuchs entstanden war. Damals kannten wir noch nicht die Wurftechnik der Rückkehrbumerangs. So waren wir enttäuscht, als ich mit dem Probestück linkshändig nicht den Beweis de Rückkehr antreten konnte. Doch das Problem ließ uns nicht mehr los.
 
Weitere Besuche des Nämforsen brachten eine Unmenge neue Abreibungen. Nun fanden wir auch auf den schwer zugänglichen Inseln viele Wurfholz-Abbildungen, die jedoch - genau wie Tiere Menschen und Boote - verkleinert dargestellt waren. Und wieder versuchten wir, diese Stücke in geeigneten Asthölzern, vergrößert auf normale Bumeranggröße, zu rekonstruieren. Experimentell Archäologie kann mit erheblichem Zeitaufwand verbunden sein. Im Winter wurde das Holz "außer Saft" geschlagen. Nach der groben Vorformung mußte es langsam aus trocknen, damit es nicht riß. Mit steinzeitlichen Mitteln wurde dann die Form herausgearbeitet, diesmal mit dem Wissen um die Aerodynamik moderner Sportbumerangs. Da die Flugeigenschaften jedes Typs durch gewisse Anschliffmethoden beeinflußt werden können, mußt wir lange Versuchsreihen durchstehen. Das Gesamtergebnis war erstaunlich: alle Krummhölzer vom Nämforsen waren bei uns echte Rückkehrhölzer, einschließlich eines dreiflügeligen, das dem Vierflügler der alten Australier ähnlich ist.

Alle diese Vorarbeiten bewies jedoch nicht, ob die Jäger am Nämforsen wirklich Rückkehr-Wurfhölzer gehabt hatten. Wir sahen uns nach Wurfhölzem um, die original gefunden worden waren, um feststellen zu können, wie sich die Form dieses Wurfgerätes entwickelte. Der älteste sogenannte 'Bumerang' war nicht aus Holz, sondern aus Mammutelfenbein. Er konnte auf ca. 23000 v.Chr. datiert werden, war also jungpaläolithisch. Er wurde in einer Höhle der Oblazowa-Berge in Süd-Polen gefunden. Erstaunlicherweise muß bereits zu dieser Zeit die aerodynamischen Voraussetzungen für die Flugeigenschaften, nämlich eine plankonvexe Oberflächenstruktur, erkannt worden sein.


Im Bereich der Ertebøllesiedlung (4.Jahrtausend v.Chr.) im Brabrandsee bei Aarhus/ Ostjütland fand man ein Wurfholz aus Ahorn, ähnlich dem Mammutstoßzahn gekrümmt und bis auf den Handgriff - der einen runden Querschnitt hatte - plankonvex. Unser Versuchsstück flog, ähnlich dem polnischen Stück, nur in gestreckter Flugbahn. Die beiden vor uns liegenden Krummhölzer aus einem germanischen Opfermoor bei Oberdorla nahe Mühlhausen/ Thüringen haben trotz deutlicher Knickung nur wenig mehr Biegung als der Mammutstoßzahn. Durch Bodenpressung waren sie stark verformt, so daß ihre ursprüngliche Oberflächenstruktur schwer zu beurteilen war. Unsere Rekonstruktionen zeigten zwar, daß sie die gestreckte Flugbahn seitlich verließen, doch echte Rückkehrer waren sie nicht.

Allein ein stärker geknicktes Wurfholz aus Eiche, das im Schlick von Velsen in Nordholland geborgen wurde, war in einer Nachbildung ein rückkehrender Bumerang. Er hatte eine perfekte plankonvexe Oberflächenform. An seinen Flügelendungen fanden sich deutliche diagonale Einkerbungen, die vermutlich von Sehnen stammten, mit denen man die Enden wechselseitig propellerartig verformt hatte. Möglicherweise war er zur feuchten Verformung im Schlick deponiert gewesen und man hatte ihn nicht wiedergefunden. Durch die spezifischen Flugeigenschaften der Rückkehrhölzer durch die Formung der Flügelspitzen entstehen, war diese Art künstlicher Formung bei den ersten Rückkehrbumerangs wahrscheinlich die tragende Idee. Aufgrund der umfassenden Erfahrungen des Wiener Völkerkundlers Hanns Peter mit den urtümlichen Bumerangs australischer Aborigines, gingen wir dazu über, den gleichen "echten Drall" des Wurfholzes von Velsen gezielt als Formelement zu verwenden - ähnlich der Art, wie wir anfangs mit drehwüchsigem Spaltholz begonnen hatten. Jetzt endlich verstand ich meinen damaligen Fehler: Ein Rückkehrholz für Rechtshänder mußte aus 'mitsünnigem' Holz (Wuchs in Richtung des Sonnenaufes) und für Linkshänder aus 'widersünnigem' Holz (Wuchs gegen den Sonnenlauf) bestehen. Ich glaube bei Beat Aepli in Trogen/Schweiz eine einfache, archetypische Oberflächengestaltung von Rückkehrbumerangs gefunden zu haben, die manche Moor- und Schlickfunde in Nordschweden erklären könnte. Jedoch möchte ich hier seinen eigenen Veröffentlichungen nicht vorgreifen, die in diesen Tagen bevorstehen.
 
(Fortsetzung in Bumerangwelt II/89).

 
   
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