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Das Kultholz der Wiederkehr (Teil 2)
 
Soweit schien es vertretbar, daß es auch im Norden Skandinaviens frühzeitige Rückkehrhölzer gegeben haben könnte. Doch w elchem Zweck hatten sie an den Stromschnellen des Nämforsen gedient? Allein die zügig aufsteigende Flugbahn lehrte uns, daß von einer Jagdwaffe nicht gesprochen werden konnte. Ausgerechnet in einer Entfernung, in der der Jäger das Wild "anspricht", ist das Rückkehrholz bereits in undiskutabel großer Höhe. Deshalb benutzen die Australier sie in ganz seltenen Fällen nur zur Jagd auf Schwarmvögel und auf dem Boden zum Erschlagen von kleinen Tieren. Nach eingehenden Versuchen mit der Schlagkraft der Rückkehrhölzer in der Phase des Geradeausflugs stellten wir fest, daß ein entscheidender Teil der Translationsenergie sehr bald vergeudet wird. Der Auftreffschwung genügt keinesfalls, ein größeres Tier soweit zu verletzen, daß man es erbeuten kann.
 
Dem widerspricht auch keinesfalls das Felsbild der nordkarelischen Lage Salawruge am Weißen Meer, das einen Bumerangwerfer vor einer Schar getöteter Gänse zeigt. Bei näherem Betrachten entdeckt man, daß alle Gänse bereits von Pfeilen getroffen waren, die von Jägern aus einem nahen Boot mit ihren Jagdbogen abgeschossen wurden. Der Bumerangwerfer trägt einen auffälligen Kopfschmuck, der ihn als Schamane ausweist. Weshalb sollte ein Geisterbeschwörer auf die Gänsejagd gehen? Er ist vom Jägerstamm ausersehen, die Wiederbeschaffung des Jagdwildes zu fördern, die nach altem Glauben durch die Reinkarnation (=Wiedergeburt) erfolgen mußte.
 
Bei gewissenhafter Prüfung der Gravuren des Nämforsen bietet sich für die Verwendung der Rückkehrhölzer in dieser heroischen Landschaft eine ganz andere Erklärung an. Unter den meistbesuchten Felsbildern der Uferlage Hällan ist ein Bumerang zu sehen, der als einziger vermutlich in Originalgröße graviert wurde. In seiner unmittelbaren Nähe sieht man zwei Bumerangs, die an den Griffenden miteinander verbunden sind. Ohne im entferntesten an einen Zusammenhang zu denken, wissen wir von den Australiern, daß zwei durch Magie zusammengehörende als Träger geheimnisvoller zerstörerischer Substanzen gelten. Ihre Wirkung blieb nur solange erhalten, wie sie beieinander blieben.
 

Der Stand der Rückkehr-Wurfhölzer zwischen verschieden strukturierten Elchen und gestreuten Schalengruben über einer eng gekoppelten Reihung von Einbäumen, auf denen besonders hervorgehobene menschliche Gestalten Tierkopfstäbe halten - das alles läßt die Bumerangs auffällig in den Bereich des Kultischen rücken. Da die sonst auch einzeln dargestellten Einbäume nie diese enorme Länge aufzeigen, könnte man annehmen, daß es sich hier um ein Ahnen oder Geisterboot handeln sollte, das stets bei Bedarf verlängert wurde.

Das Schlüssel-Felsbild befindet sich auf der Insel Notön: ein völlig überdimensioniertes Hautboot, das 69 Mannstriche aufweist. Es steht außer Zweifel, daß die steinzeitlichen Jäger nicht in der Lage waren, mit den zeitgemäßen Mitteln eine so riesenhafte Bootskonstruktion zu bauen, schon gar nicht für den Flußverkehr. Es scheint also auch hier wirklich ein Ahnenboot gemeint zu sein, zumal der viel zu kleine Tierkopfsteven in Richtung Westen zeigt. Unmittelbar über den Mannstrichen sind 22 Beile und Rückkehrhölzer graviert, die ganz eindeutig im direkten Zusammenhang mit den dargestellten Ahnen-Mannstrichen zu sehen sind. Im Gegensatz zu allen anderen Bootswiedergaben, die zumeist in planliegende Felsen geschlagen wurden, ist dieses Großboot an einem 18-210 geneigten Felsen so plaziert worden, daß jeder Zeremonialteilnehmer die Darstellung hätte sehen können.

 
Im mythischen Denken vieler Naturvölker ist die Idee des Ahnenbootes verbreitet. Ebenso ist der damit zusammenhängende Glaube an eine kosmologisch dreigeteilte Welt und die Wiederkehr aus dem Jenseits - das hinter der großen Wasserbarriere gedacht ist - weltweit nachzuweisen. Symbolik und rituelle Handlungen nahmen sich der Wiedergeburt an. Die erneute Geburt - so abstrakt sie für uns erscheinen mag - setzte für den körperlich denkenden Menschen der Vorzeit einen konkreten Koitus voraus. Das deutet nicht nur eine Begattungsszene auf der Insel Laxön an, sondern auch die vielen Schalengruben, die in Schweden "älvkvarnar" - Elfenmühlen genannt werden. Es bleibt eine akademische Frage, ob Elfen als Geister der Verstorbenen anzusehen sind oder als Naturgottheiten. Zweifellos hat der Elfenkult seinen Ursprung im Ahnenkult. Da Schalengruben auch mit dem bogengetriebenen Drillbohrer erzeugt werden können, wie das gleichfalls beim Feuerbohren gehandhabt wird, ist selbst bei ihrer Herstellung eine gewisse Begattungssymbolik im Sinne der Wiedergeburt nicht auszuschließen. Im Rigveda wird das Feueropfer durch archaisches Feuerbohren derart beschrieben, daß der Bohrstab als Lingam (sanskrit für Phallus oder Mann), das Bohrloch als Yoni (Vulva oder Weib) anzusehen war, beide zusammen die Zeugungskraft der Natur darstellten. Ähnliche Vorstellungen sind bei vielen Völkern der Erde überliefert.
 
An den Schenkelendungen einiger Felsbildbumerangs vom Nämforsen sind Schalengruben graviert worden, vermutlich in der Absicht, die Wirkungskraft des magischen Holzes im Sinne der Wiedergeburt zu verstärken.

Bei dem australischen Ngadjuri-Stamm von Funders Ranges symbolisiert die kreisförmige Flugbahn des Bumerangs die Laufbahn der Sonne mit ihrer endlichen Wieder kehr. Es ist doch wohl kein Wunder, daß Wurfhölzer mit derartigen übernatürlichen Eigenschaften als magisch angesehen wurden. So dürfte denn im metaphysischen Denken dieser Zeit auch ein so einfacher Gegenstand, wie ein krummes Stück Holz, das auf scheinbar magische Weise zur Stelle des Abwurfs zurückkehrt, analog seiner Flugbahn die Bedeutung der Rückkunft in der Reinkarnation bekommen haben. So vermute ich, daß die Rückkehrhölzer Kultgegenstände der Wiederkehr wurden. Am Nämforsen konnte man sie vom Südufer aus, dort wo die steinzeitliche Siedlung entdeckt wurde, bei 40m Abstand über den Ängermanälv und die Steinküste von Notön hinwegfliegen lassen - um ihre orakelhafte Rückkehr abzuwarten. Sie kehrten entweder ans feste Ufer zurück oder fielen unwiederbringlich in den Todesfluß.
 
Die Frage, weshalb bei den Felsbildern vom Nämforsen hauptsächlich Bumerangs für Linkshänder abgebildet wurden, läßt sich konkret beantworten: Wenn die Hinterbliebenen der Toten jener steinzeitlichen Kulthölzer der Wiederkehr zur Toteninsel hinüber warfen, werden sie zumeist den Talzug vom Bottnischen Meerbusen her - also von rechts - gehabt haben. Das aber erforderte einen linkshändigen Abwurf.
 
Da das Totenbrauchtum in arktischen Bereichen Asiens und Nordamerikas in vorgeschichtlicher Zeit kaum von dem in Nordskandinavien abzuweichen scheint, kann auf das finnische Volksepos, die Kalevala, hingewiesen werden: "Das Reich der Toten liegt auf einer Insel". Wäre es nicht anzunehmen, daß die Jäger vom Nämforsen ihre Toten auf der Insel Notön 'beisetzten' (im Gegensatz zu 'begraben'), wie einst üblich oberirdisch auf Bäumen, Totengestellen oder einfach auf Felsen?
 
Vom 11.Mai bis 6. November 1989 werden Anneliese und Dietrich Evers im Blumenstein-Museum in Solothurn/Schweiz eine Ausstellung unter dem provokativen Titel "DIE NICHT ENTDECKTE
HOLZZEIT" durchführen in der eine Abteilung Bumerangs der Vorzeit zeigen wird.
 

 
   
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