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Geradeaus-Flieger
Von Ulrich Roos
 
Jagdbumerangs stellt man sich als gräßliche, überschwere Keulen vor, mit der urwüchsige Völker Känguruhs, Elche, Mammuts usw. auf riesige Entfernungen erschlagen.
...aber das ganze kann man auch ein bißchen moderner sehen: Geradeausflieger als eine sehr interessante und sportliche Variante des Rückkehrers.
 
In Zusammenarbeit mit der Kreissparkasse in Reutlingen hatte ich eine Wanderausstellung über Bumerangs organisiert. In dieser Ausstellung wurden auch - als Leihgabe des Lindenmuseums in Stuttgart - 4 Jagdbumerangs aus Australien gezeigt.
Einer dieser Jagdbumerangs hatte es mir sofort angetan, nämlich eine sogenannte Lil-Lil Form, die ich als sehr ästhetisch empfinde*. Ich habe den Bumerang abgezeichnet und auf gut Glück nachgebaut - die Flugeigenschaften sind vortrefflich, der Nachbau hatte auf Anhieb geklappt! Deshalb denke ich auch, daß Veränderungen der Maße und der Profilierung unkritisch sind.
 
Die Geradausflieger, die ich bisher - z. B. auf Wettbewerben als Vorführung - gesehen habe, konnten mich nicht 100%ig überzeugen, da sie am Ende der Flugbahn das typische Überkippen zeigten - also keine (von der Aufsicht gesehen) gerade Flugbahn. Diese Geräte waren mir sozusagen zu "aerodynamisch" und zuwenig "ballistisch".
Aufgrund der asymmetrischen Masseverteilung des Lil-Lil-Typus und wegen der hohen Masse bei Verwendung schwerer Materialien, erzielt man mit diesen Bumerangs gerade Flugbahnen ohne ein Überkippen am Ende der Flugbahn. Je nach Wurftechnik, Profilierung, Windrichtung und Kreiselstabilität (direkt abhängig von der Masse, die möglichst groß sein sollte) ist zwar auch beim Lil-Lil Typus am Ende der Flugbahn eventuell ein Rollen (Drehen um die Längs- statt um die Querachse) oder Drudeln bemerkbar (was sich jedoch durch Wurftechnik vermeiden läßt), jedoch selten ein Überkippen, das heißt, die Flugbahn macht am Ende im allgemeinen keine Schnörkel, Kurven etc., sondern bleibt linear.
 
Wer den Lil-Lil Typus baut, lernt einiges aus eigener Erfahrung über die früheren Einsatzmöglichkeiten dieser Geradausflieger: Als Wurfinstrumente sind sie zwar von hoher Schlagkraft auf Entfernungen bis etwa 40 Meter, aber in aller Regel nicht tödlich für größere Lebewesen, z. B. für Menschen. Sie sind aber sehr wohl geeignet, kleinere und auch größere Lebewesen zu betäuben. Besonders, wenn man sich vorstellt, daß mehrere Bumerangs gleichzeitig von einer Gruppe abgeworfen werden.
 
Als Schlagwaffe sind Lil-Lil Bumerangs, da sie gezielt und mit großer Wucht geführt werden können, tödlich. Entsprechend wurden Kampfbumerangs bei frühen Völkern auch als gefährliche und wirksame Schlagwaffen verwendet.
 
Mich persönlich interessiert eine Schlag- oder Jagdwurf-Anwendung in keinster Weise. Dennoch betone ich nochmals, daß gerade die Ausformung des massereichen Schlagteils dem Lil-Lil Typus seine weite, gerade und wuchtige Flugbahn gibt.
 
Ich habe zunächst Esche und Ahorn verwendet. Beide Hölzer sind ausreichend hart und schwer, aber wie jedes Holz nicht unzerbrechlich. Auf exotische Hölzer verzichte ich, da ich deren Gebrauch für ökologisch nicht vertretbar halte. Leider sind mir alle Holzbumerangs nach Dauereinsatz zerbrochen, da man sie ja nicht auffängt, sondern sie oft recht hart zu Boden fallen. Deshalb bin ich zu einem weniger schönen, stillosen, aber äußerst erfolgreichen Material übergegangen: PE (Polyethylen).
Dieser Kunststoff ist lebensmittelecht (man kann den Bumerang also als das verwenden, was er auch im Flugbild darstellt, da der Schwerpunkt nahe dem Schlagteil liegt: als Kochlöffel). Er zerbricht nicht (außer vielleicht bei sehr tiefen Temperaturen), ist noch massereicher (Dichte etwa 0,9) als normales Holz und rohweiß, also gut zu sehen.
Ein kleiner Nachteil des Materials ist der, daß es sich nicht lackieren läßt und etwas glatt ist. Dies stört beim Abwurf mit Lederhandschuhen kaum. Man könnte sich vermutlich behelfen durch Fingerbuchten, Umwicklungen am Griffteil usw.
 
Bei der Herstellung ist folgendes zu beachten:
Je kürzer der Bumerang ist, desto besser läßt er sich in Drehung versetzen. Wie auch Rückkehrer, so lebt der Geradausflieger vom richtigen Verhältnis von Drehung (Abkippen aus dem Handgelenk undWurfkraft (Arm- und Ganzkörpereinsatz).
 
Je bikonvexer das Profil ist, desto weiter fliegt der Bumerang potentiell, desto mehr Wurfkraft muß man aber aufbringen. Wenn man die nicht hat, muß es wieder plankonvexer werden...
Ist das Profil zu plankonvex, zieht es den Bumerang nach oben, was am Ende der Flugbahn eine Art "Floater"-Verhalten bewirkt (sofern man bei fast einem halben Kilo Masse von "floaten" sprechen kann).
 
Wer sich mit einem Partner Stöckchen zuwerfen will, sollte ein eher plankonvexes Profil bevorzugen, da dies eine ungefährlichere Flugbahn bewirkt. Ich selbst werfe für mein Leben gern mit einem Partner.
Eine Frisbee-Scheibe kriege ich vielleicht gerade noch auf 20 bis 30 Meter einigermaßen genau zu
einem Partner, im Normalfall werfe ich schon auf 20 Meter ein paar Meter daneben. Mit einem "Stöckchen" werfe ich auf 60 bis 80 oder mehr Metern meinem Partner den Bumerang vor die Füße. Wenn der Partner schlau ist, bleibt er allerdings nicht stehen...
 
Man kann meine Begeisterung für das Stöckchen-Spiel vielleicht erst nachvollziehen, wenn man selbst diese Ur-Aushol-und-Wurf-Bewegung mit einem Bumerang von fast einem dreiviertel Meter Länge und fast einem halben Kilo Gewicht erlebt hat.
 
Wer hinter dem Werfer steht und die Flugbahn verfolgt, ist schon beeindruckt. Wer aber den Werfer vor sich und den Bumerang auf sich zu oder schwirrend über sich hinwegfliegen sieht, der ist von da an Geradausflieger-Fan (na ja, vielleicht auch nicht ... ). Manchmal wird eine Distanz von 60 bis 80 oder mehr Metern so schnell im Flug überbrückt, daß man kaum noch zur Seite springen kann, wenn der Bumerang kommt (weswegen man bei Stöckchen-Spielen natürlich extrem aufmerksam spielt, leicht daneben zielt und sich stets vergewissert, daß der Partner nicht gerade träumt - was bei diesem Spiel selten vorkommen dürfte ...)
 
Wurftechnik
Zur Wurf-Technik: extra drauf hauen schadet nur - der Bumerang kommt nach einigen Metern ins Rollen und bremst dann infolge des enormen Luftwiderstandes rasch ab und plumpst herunter.
 
Man muß sich sehr darauf konzentrieren, dem relativ sperrigen Bumerang, der den Drehimpuls etwas störrisch annehmen will, viel Rotation mitzugeben. Von daher verbietet sich auch jeder Versuch, diese Bumerangs beidhändig zu werfen.
Will man einen scharfen, zielgenauen und tiefen Flug erzielen (dann ist die Wurfentfernung auf etwa 40 bis 55 Meter begrenzt), dann wirft man den Bumerang fast horizontal und tief ab.
 
Für extrem weite Würfe muß man quasi eine ballistische Flugbahn anstreben, die überlagert vom Auftrieb des Bumerangs die großen Weiten ermöglicht. Auch dann fliegt der Bumerang in der Aufsicht gesehen stur geradeaus, hat aber in der Seitenansicht eine ballistische Kurve, die am bauchigsten Punkt 10 bis 15 Meter über dem Boden liegen kann.
 
Bei weiten Würfen (ich komme bei Rückenwind oder anderen geeigneten Windrichtungen - ganz habe ich das noch nicht raus - auf maximal 100 Meter), muß man etwa 30 Grad nach oben und etwa zwischen 30 und 45 Grad geneigt werten (Neigungswinkel bezogen auf die Horizontale), also nicht streng horizontal.
 
Das beste Profilierungsverhältnis, das einerseits noch genügend Auftrieb bewirkt, andererseits aber kein Überkippen oder 'floaten' provoziert, ist 1:2, d. h. 2 Drittel der Materialdicke wird von oben abgearbeitet, ein Drittel von unten.
 
Zu beachten ist weiterhin die Windrichtung: quer zur Windrichtung und vor allem mit Rückenwind lassen sich die weitesten Würfe erzielen. Wirft man bei höheren Windstärken gegen den Wind, so kommt der Bumerang fast immer ins Rollen, es sind höchstens halb so große Weiten zu erzielen wie bei schwachem Gegenwind oder gar bei Rückenwind.
 
Ich glaube zwar nicht, daß Bumerangfreunde üblicherweise zu so etwas neigen, aber ich warne trotzdem jedermann davor, mit so einem Gerät auf Menschen oder Tiere loszugehen und Bumerang-Rambo zu spielen!

 
   
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