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Sam Blight
Der geheimnisvolle Kreis
(oder: Zen und die Kunst des Bumerangwerfens)

 
Die wichtigsten Dinge im Leben sind nicht zweckbestimmt, bringen keinen direkten Nutzen. Die Aborigines haben das verstanden, als sie die Tradition des Rückkehrbumerangs pflegten, obwohl er als Waffe im Vergleich zu den tödlichen, nichtrückkehrenden Jagdbumerangs unbrauchbar war.
 
Mit einem guten Bumerang, einfachem technischen Wissen und ein wenig Wurfpraxis an einem schönen, windstillen Tag kannst du dich am Anfang und am Ende eines mysteriösen Kreises vorfinden, der das Gesetz des Karma mühelos veranschaulicht.
 
Versetze dich auf ein weites Rasenfeld mit einigen Bäumen im Hintergrund. Ein leichter Wind regt sich. Jetzt richtest du dich auf und spürst den Wind auf deiner Haut. Nun drehst du dich nach rechts, prüfst das Gewicht des Bumerangs in deiner Hand, umfaßt ihn am Flügelende, bis er richtig liegt. Du machst einen Schritt voran und wirfst mit entspannter Kraft: Das Gerät ist auf die Reise gegangen.
 
Ungeübten Augen mag der Beginn des Fluges nicht sehr vielversprechend erscheinen. Das Gerät dreht sich in fast senkrechter Lage, wie ein Rad. Wäre es ein Hubschrauber, müßte es abstürzen. Aber nun - unerwartet, aber mit Bestimmtheit - legt es sich ein wenig flacher und erzeugt soviel Auftrieb, daß es aufsteigen kann. Außerdem beginnt es, einen Bogen nach links zu fliegen, physikalischen Gesetzen gehorchend, die wie Poesie zu sein scheinen. Wenn es seine größte Höhe erreicht hat, kreuzt es dein Blickfeld in etwa 5 Metern Höhe über dem Boden und bis zu 60 Metern Entfernung. Dann beginnt der Rückflug, wenn man eine solche Unterscheidung innerhalb des nahtlosen Kreisfluges überhaupt machen will. Während der Bumerang sich weiter flachlegt und seine Rotationsebene sich mehr und mehr der Horizontalen nähert, dreht er in einem weiten Schwung nach links und hinter dich. Immer noch sehr schnell rotierend, erinnert er an einen Kolibri oder eine Libelle, wenn er, wie jetzt, fast auf der Stelle schwebt, bevor er endgültig zu dir herabkommt. Ohne große Gedankenarbeit greifst du in die Öffnung, die der rotierende Bumerang in seinem Kräftezentrum bildet. Irgendwie greift deine Hand den sich lansamer bewegenden Ellenbogen, wo die beiden Flügel sich treffen, und ihr Flug endet dort, wo er begonnen hat.
 
Die Energie, die du in den Wurf hineingelegt hat, hat sich zu dir zurückgewendet. Das absolute Nichts. Der geheimnisvolle Kreis. Der Bumerang!
 
Was hat es mit dem Rückkehrflug des Bumerangs, der auf so geheimnisvolle Weise Befriedigung schenkt, auf sich? Ist es einfach so, daß die Unvergleichlichkeit seines Fluges uns soviel Freude macht? Mir scheint, daß in dieser wunderbaren Erfindung, die so viele völlig unterschiedliche Menschen beeindruckt, noch mehr stecken muß.
 
Rotation ist das am weitesten verbreitete Grundprinzip in der Natur, von den erhabenen Kreisbahnen der Galaxien im Weltraum über die Umrundung der Planeten um unsere Sonne bis hin zum Wirbel im gerade umgerührten Kaffee in der Tasse. Alle anderen Arten von Bewegung können nur durch die Beziehung zu etwas anderem bestimmt werden. Die Rotation eines Gegenstandes bezieht sich allein auf sich selbst. Ein Sufi, der sich auf der Stelle dreht, erfährt die absolute Unbewegtheit seiner Körpermitte, hervorgerufen durch die Drehung seines Körpers. Alle Bewegung im Universum ist kreisförmig, nichts bewegt sich in gerader Linie; die Physik vertritt heute die Theorie des gekrümmten Raums. Vielleicht ist jeder Kreisflug des Bumerangs eine aufregende Bestätigung dieser schwer vorstellbaren Theorie.
 
Dann nenne ich die Tatsache, daß man häufig in den Himmel aufschaut, denn das kannst du wirklich nicht vermeiden, wenn du Bumerangflüge beobachtest. Deshalb sind die besten Wurfzeiten um Sonnenauf- oder Untergang; dann komponiert der Himmel aus Wolkenformen und Farben gewaltige Bilder, und das Licht hat eine geheimnisvolle Leuchtkraft.
 
Nach einiger Übung kann der Werfer, wenn er will, sich dem Zen Aspekt des Bumerangwerfens öffnen. Anders als der Bogenschütze, dessen Ziel in der Raum-Entfernung liegt, ist das Ziel des Bumerangwerfers er selbst. Damit der Kreis sich schließt, muß der Werfer sich sowohl mit dem Bumerang als auch mit den Windbedingungen in Übereinstimmung bringen, und wie der Zen-Bogenschütze, dem Wurf-Vorgang erlauben, sich "durch ihn hindurch" zu vollziehen. Dann wird der Bumerangflug wie der Kreis des Zen-Malers ein Kreis in drei Dimensionen; poetische Bewußtseinsform im Werfer.
 
Vor Jahren gab es ein Fernsehprogramm mit dem Titel "Magic Boomerang". Ein zentraler Teil darin war der Flug eines alten Bumerangs. Jedesmal ließ er die Zeit für alle Zuschauer einfrieren - ausgenommen die des Werfers selbst - solange er in der Luft war. Das ist der wirklich interessante Vorgang: Wenn man einen Bumerang während des Fluges mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit beobachtet (was sowieso kein schlechter Gedanke ist, wenn man an den unerwarteten Flugweg denkt), stehen die Gedanken still, sie halten an, und deshalb hört ebenfalls die psychologische Zeit auf, zu laufen. Es ist unmöglich, nicht entspannt zu sein, wenn man eine Zeitlang Bumerang geworfen hat.
 
Abschließend: Wie kannst du dich selbst allzu ernst nehmen, wenn du ein gebogenes Stück Holz wegwirfst und gleichzeitig akzeptierst, daß du es nicht vermagst?
 
(Übers.: wb)

 
   
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