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Dort ouben bei dia Wolkn
 
St. Urban, Känten, Sonntag 8.4.1990, 15.30 Uhr
 
Eine Woche Osterurlaub ist angebrochen. Gestern Anreise aus München bei strömendem Regen. Heute Nachmittag zeigt sich das kleine Dorf erstmals von einer angenehmeren Seite. Die Häuser stehen großzügig verteilt am Südhang eines 1400 Meter hohen Berges. Es wird von einer Hügelkette eingeschlossen. An der tiefsten Stelle der St. Urbansee. Tiefgrünes Wasser bedeckt eine Fläche von 10 Fußballfeldern. Daneben sumpfiges Gelände. Dann eine Futterwiese, ein Wassergraben und anschließend ein Feld, das im Winter als Eislaufplatz dient. Eine einfache Flutlichtanlage, drei morsche Holzbänke und hunderte von Zigarettenkippen lassen das winterliche Treiben erahnen. Aber heute, bei 10 Grad plus und einem vergangenen Winter, der auch hier keiner war, präsentiert sich die "Eisfläche" als morastige Wiese mit einem Wasserpegel von 3-5 cm.
 
Unter hiesigen Bedingungen wohl aber das Einzige, die mitgebrachten Booms zu werfen. Also rein in die Gummistiefel und los gehts. So ein Schweinkram. Bei jedem Fehlgriff die Landung mit einem glitschigen "SMATSCH" in der braunen Brühe. Schnelle Gehversuche werden mit kleinen (bis größeren) Pünktchen auf meiner Jeans quittiert. (Ich höre meine Freundin schon wieder predigen.) Aber macht nichts, Hauptsache Spaß machts.
 
Nach einer halben Stunde Standards ziehe ich meinen neuen MTA aus der Tasche. Erste Flugversuche im Münchner Westpark waren ja nicht sonderlich vielversprechend. Und hier? Wurf, zwei Kreise, 10 Meter Höhe, schaukeln, strauchen, Absturz. So ein Mist! Vielleicht liegts ja an dem kleinen Gewicht, das ich auf Arm 1 aufgeklebt hatte? Runter damit. Gleichzeitig tunen. Hier ein bißchen höher, da mehr Anstellwinkel und vielleicht hilft verdrehen ja auch etwas. Das ganze natürlich gleichzeitig, damit man ja nichts nachvollziehen kann.
 
Zweiter Versuch. Wurf, 4 Kreise, 20 Meter Höhe, und? Sofortiger stabiler Hover. Sieht ganz gut aus. Drücke die Stoppuhr am Handgelenk. 3 Minuten 20 Sekunden vergehen. Wie von Geisterhand gehalten, verharrt der Rang auf der Stelle. Eine Brise kommt auf. Abtrieb nach rechts. Da muß ich wohl hinterher. Ein einheimisches Ehepaar beobachtet mich und mein UFO. Wassergraben, runter, Anlauf, eleganter Sprung (in Stiefeln die mir 3 Nummern zu groß sind), glückliche Landung auf der anderen Seite.
 
Aber wo ist mein Boom? Blick in die vermeintliche Richtung. Nichts. Was ist denn jetzt los? Der war nach einer Kehrtwendung auf eine Höhe von vielleicht 50 Meter gestiegen. Blick auf die Uhr: 5 Minuten 30. Sensationell! (Mein bisher bester Wurf überhaupt war bei knapp 50 Sekunden in einem Baum hängengeblieben.) Doch nun mußte ich wieder auf die andere Seite. Sprung aus dem Stand. Ein Stiefel bleibt im Morast stecken, Landung auf den Knien und Wasserkontakt mit meinem rechten Socken.
 
Aufrappeln, hochkrabbeln, Blick in den Himmel. Wo ist er? Weg! Ich sehe ihn nicht mehr. Ein Blick zur Straße. Das Ehepaar war noch da und starrte nach oben. Hände an den Mumd zu einem Trichter geformt: "Sehen Sie ihn noch?" Der Mann schaut zu mir rüber, gestikuliert und ruft: "Dort ouben bei dia Wolkn!" Ich versuche etwas auszumachen. Und tatsächlich, ein schnell rotierender Punkt in einer Höhe von, schwer zu schätzen, 200 Metern vielleicht. 8 Minuten 30. Ich laufe in Richtung der Beiden. Die Frau kommt an mir vorbeigerannt: "Der fliagt nach Auschtralin. I hol den Feldstecha." Bei ihrem Mann angekommen, beobachten wir gemeinsam fassungslos weiter.
 
Der Rang hat Kontakt mit den untersten Wolkenschichten. Er taucht ein. Das Wolkenfeld zieht weiter. Wir sehen ihn wieder. Aber er gewinnt weiter an Höhe. Die Wolken werden immer dichter. Er verschwindet ganz. In einer Höhe von ca. 280 Metern aus den Augen verloren. Ich drücke die Stoppuhr. Der Zeiger bleibt bei 17 Minuten 43 Sekunden stehen.
 
Eine halbe Stunde stehen wir noch beisammen. Die Frau war zurückgekommen, mit hochroten Wangen. Sie hatte sich beeilt.
 
Beide hatten noch nie zuvor einen Bumerang fliegen sehen. So einen ich auch noch nicht.
 
Harry Weiß
Stroblstr. 30A
8000 München 21
Tel. (089)583784

 
   
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