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Gaby Wichmann
Ein besonders schöner Bumerang


Unsere Leser erinnern sich gewiß an den schönen Hook, den wir in Ausgabe IV/91 auf dem hinteren Umschlag abgebildet haben (wb).
 
Vor einigen Jahren kam ich das erste Mal unmittelbar mit Bumerangs in Berührung, als ein Freund, Pit Kiesinger, mich einlud, seine neuen, selbstgebauten Flugobjekte zu begutachten und einige Probewürfe zu machen. Er überließ mir ein kleines rotes Wurfgerät und wurde auch nicht müde, mir immer und immer wieder die richtige Wurftechnik zu zeigen.
 
Mein Eifer war recht groß aber der Erfolg nicht. Dieses leichte, beinahe spitzwinklige Holz wollte einfach nicht so, wie ich gern wollte. Nach vielen, vielen Versuchen kam mir der Verdacht, daß es für mich ungeeignet sei; zu klein, zu leicht und überhaupt sah er gar nicht so aus, wie ich mir einen Bumerang vorgestellt hatte. Ich durchsuchte den großen Beutel meines Lehrers und wurde fündig. Da gab es ihn ja, meinen Traumbumerang: Schwarz, sanft gebogen und wunderschön. Doch kaum hielt ich ihn in den Händen, wurde ich schon dringend gewarnt, dieses Gerät zu benutzen: "Für eine Anfängerin viel zu schwer, große Verletzungsgefahr." Zum Trost bekam ich den Kleinen geschankt. Ich war für´s erste zufrieden und beschloß zu üben; aber der Rote hatte einfach nicht meine Form.
 
Jedesmal, wenn das Gespräch auf Bumerangs kam, erwähnte ich beiläufig den großen Schwarzen und nahm ihn auch so oft wie möglich in die Hand, natürlich so, daß Pit sah, wie sehr ich diesen einen mochte. Er ließ ihn dann einige Male, zu meinem Entzücken, die Wiese überqueren und fing ihn, noch bevor seine Bahn ganz beendet war, mit beiden Händen wieder auf. Es sah so einfach aus, und der Tag nahte, an dem ich einen günstigen Augenblick erwischte. Die Hölzer lagen allein, ohne ihren Erbauer auf der Wiese; der war nämlich gerade mit seinem Lenkdrachen beschäftigt, und der große Schwarze lächelte mich an. Ich zögerte nicht sehr lange, dann flog er auch schon im weiten Kreis über das Feld und, oh Wunder, auch mit hoher Geschwindigkeit zu mir zurück. Das Fangen ließ ich für´s erste.
 
Dieser erste Flug blieb übrigens nicht unbeobachtet, doch sollte es noch ein weiteres Jahr dauern, bis ein Rohling in der gleichen Form mein Eigen war. Er wurde mir lächelnd überreicht mit den Worten: "Da, mach ´was draus." Guter Pit!
 
Da lag er nun, lang ersehnt, kostbar, jungfräulich und zukünftiger Träger von undenkbar vielen möglichen Farben und Linien. Wie sollte ich ihn gestalten? Bisher kannte ich nur Bumerangs in verschiedenen, leuchtenden Farben, also mußte ich irgendetwas anderes mit ihm machen, denn er sollte ja etwas Besonderes werden. Ein Bumerang ist an sich schon etwas Besonderes, nicht nur durch seine schlichte, edle Form oder seine geniale Flugtechnik, sondern durch seine starke Symbolik, die Wissen, Verständnis, Einssein, Achtung und Liebe zur Natur zum Inhalt hat. Er entstand zu einer Zeit und an Orten, als Menschen den Steinen, den Pflanzen, den Tieren, der Erde und dem Himmel sehr nahe waren.
 
Ja, dachte ich mir, es wäre sehr schön, wenn ich genau diese Dinge in irgendeiner Form auf dem Bumerang darstellen könnte. So machte ich einige Skizzen. Dabei kam mir eine weitere Idee. Ich hatte in Büchern alte Tierdarstellungen von Aborigines gesehen, die teils in Höhlenwände, teils in Baumrinden geritzt oder gemalt waren. Es waren Bilder im sogenannten Röntgenstil, das heißt, man zeichnet auch die Knochen, die Gräten oder wichtige Organe wie Leber, Herz oder Lungen des jeweiligen Tieres. Warum also nicht Lebewesen in der Art der Ureinwohner auf ein Wurfholz bringen, das im Ursprung von genau diesen Menschen entwickelt worden war? Ich nahm also einige Blätter Papier, legte den Bumerang mehrfach von beiden Seiten darauf und zog jeweils die Kontur nach. Auf diesen genau begrenzten Flächen konnte ich nun Tiere ausprobieren, z.B. längliche, biegsame Tiere in der Mitte (wie Echsen), dicke, runde nach außen. Außerdem achtete ich darauf, daß möglichst die größeren Gruppen durch mindestens ein Tier vertreten waren, Kriechtiere, Vögel, Insekten, Fische und Säugetiere.
 
Der rechte Fisch auf der Vorderseite, ein Süßwasserfisch, ist eine Kopie von einer alten Rindenmalerei aus Noraustralien, den linken habe ich in einem Buch der Leihbücherei Nürtingen entdeckt, daß mir aber im Moment nicht mehr zur Verfügung steht und ich deswegen leider auch keine genaueren Angaben darüber machen kann. Die Echsen in der Mitte, sowie Rind, Vogel und die Insekten habe ich versucht, nachzuempfinden oder aus der Erinnerung heraus zu zeichnen. Das Tier auf der Rückseite, ganz links außen, soll eine Termite darstellen.
 
Zum Abschluß noch der weitere Arbeitsvorgang, für diejenigen, die vielleicht noch ein paar Kniffe zum Bemalen suchen:
 
Auf der Vorderseite war mir wichtig, wenigstens einen Teil der schönen 5-fach geleimten Holzstruktur zu erhalten. So grundierte ich mit Acryllackspray hauchdünn die gesamte Fläche, denn ich wollte die feinen Linien mit Tusche und Feder ziehen, und die durften nicht in den Holzfasern zusammenlaufen. (Ohne leichte Vorlackierung bleibt auch die Feder immer wieder im Holz hängen.) Die Tusche sollte, wenn man mit Acryllackspray arbeitet, wasserlöslich sein, damit die späteren Schichten die schwarzen Linien nicht wieder anlösen, außerdem kann man Fehler leicht mit einem nassen Wattestäbchen wegwischen.
 
Die Rückseite ist ähnlich entstanden: Zuerst schwarze Temperafarbe, dann Acryllackspray, dann weiße Tusche und zuletzt Schicht um Schicht Klarlack (auch auf Acrylbasis, trocknet schön schnell). Trotzdem sollte man nach jedem Sprüh- oder Streichvorgang eine Trockenzeit abwarten.
 
Gaby Wichmann
Steinhoferstr. 6
7440 Nürtingen

 
Gaby hat außerdem Keramik-Kleinbumerangs entwickelt, von denen ich meine, daß sie sich besonders als Schmuckstücke für unsere Frauen eignen. (Meine Frau trägt ihr Stück gern, ja mit Stolz; sein letzter Brand war ja auch ein Goldbrand, vor dem mit dem Pinsel 24-karätiges Flüssiggold aufgetragen wird).
 
wb

 
   
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