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Winfried Gorny
Weitwurf
...und die Folgen

 
Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen, weisen wir in Form eines kurzen und, wie ich hoffe, spannenden Erlebnisberichtes nochmals mahnend auf die Sicherheitsregeln hin:
 
Sind diese Regeln schon im Umgang mit 'Normalos' mehr als nur Spielregeln, und im Umgang mit Wettkampfgeräten gut für die körperliche Unversehrtheit, so handelt es sich beim Umgang mit Long-Distance-Rangs geradezu um ÜBERLEBENSREGELN!
 
Wie viele DBC-ler wissen, experimentieren Jörg und ich seit vielen Jahren mit Long-Distance-Rangs herum, davon seit 5 Jahren im Team. Wir haben sehr viele Dinge unter weitgehendem Ausschluß der Öffentlichkeit gemacht, bzw. nur mit ausgewählten Freunden, damit unserer neuen 'DIE BAUMAPPE 2' nicht die Aktualität genommen werden konnte.
 
Jedenfalls habe ich mich lange Zeit mit hoher Ballastierung von Bumerangs auseinandergesetzt und war im Sommer 1990 zu Versuchszwecken mit Jörg Schlegel, Gerd Sattler und Freundin, Georg Thoms mit seiner damaligen Frau, Wilhelm und Ruth Bretfeld und Urs Hausherr vom Schweizer Bumerang Club auf der Stadtparkwiese. - Es galt, gleich zwei Behauptungen zu beweisen:
 
-> Wir werfen weiter als 100 m.
-> 100er sind locker zu catchen!
Na ja, das erste war, daß meine damaligen 'Biathlon' (stark formveränderte Marathon-Variationen von Herb Smith) für 100 m mit Fang an diesem Abend bei 95 m blieben und die 100er-Marke nicht ganz erreichten.
 
Dennoch: sie flogen unglaublich schöne und sehr niedrige Vollkreise und kamen so harmlos hovernd zurück, daß sie tatsächlich gefahrlos zu fangen waren. Das war wohl einer der Gründe, weshalb alle erfahrenen Leute auf der Wiese eine Stunde später nicht merkten, daß sie sich in tödliche Gefahr begaben.
 
Zwei weitere Gründe waren vielleicht:
- wir waren alle richtig heiß auf einen Wurf, der deutlich über 100 m ging und
- das 'Einen-mach-ich-noch-Phänomen'.
Und selbstverständlich riesengroßer Frust: Anfangs waren 95 m die absolute Grenze und dann wollte nichts weiter als 105 m fliegen!
 
Also dachte ich voller Grimm: Blei her, massenhaft Blei her!! Nachdem ich so einem armen 'Biathlon' mit bereits vorhandenen drei 12er-Blei-Füllungen an 'Arm 1' und einer 12er-Füllung an 'Arm 2' schließlich an 'Arm 1' noch ein ca. 5-Mark-Stück-großes Blei mit Tape unter den Flügel pappte, flog das Ding auch gewaltig weit - geradeaus, um dann mit einem angedeuteten Linkshandflug abzustürzen.
 
Also noch mehr Blei her: Das Ding mußte m.E. nur noch anständig kurz hinter der Ellbogenrundung gekontert werden. Ich wickelte ihm kurzentschlossen noch einen 5mm breiten und 1 mm dicken Bleistrang an diese Stelle (Jörg hat ihn später gewogen; ein Monster von 185 g Gewicht - gemessen an unseren heutigen Geräten!).
 
Über diese ganzen Manipulationen und Versuche war natürlich eine ganze Menge Zeit verstrichen und es wurde langsam dämmerig, bzw. das Licht wurde zum Zwielicht; ich vertraute jedoch - wie bislang zu Recht -der grellen Neon-Lackierung.
 
Die ersten beiden Versuche riefen begeistertes, um nicht zu sagen, schadenfrohes Johlen hervor:
Versuch 1: zu wenig Layover; pardon, wollte sagen: Neigungswinkel und zu weit aus dem Wind heraus, der merklich aufbriste und mittlerweile zwischen 4 und 5 Stärken blies. Ergebnis: WEIT - geradeaus und Absturzbild wie vorher.
Versuch 2: also mehr Layover und dichter auf den Wind! Abwurf verrissen, Neigungswinkel GUT 90 Grad. Ergebnis: Ich habe das Ding nach dem Abwurf gar nicht mehr gesehen; die 'Freunde' johlten irgendwas von neuem Höhenwurf-Weltrekord von bestimmt 60 m! - Landung gut 150 m im Abseits! Ich durfte also wieder mal laufen!
 
Jetzt kam das berühmte schon vorher erwähnte und wütende: 'Einen-mach-ich-noch-Phänomen' zum Tragen:
Unbemerkt war die Dämmerung natürlich doch weiter fortgeschritten (nur für die Beteiligten an so etwas scheint die Zeit immer irgendwie zu stehen), und die Sichtverhältnisse wurden langsam, aber sicher bedenklich.
Ich lief nach dem Aufsammeln zum Abwurfplatz zurück, versenkte mich in kurze, wütende Konzentration und schleuderte das Gerät exakt an der Windmauer entlang. Bereits beim Abwurf spürte ich: DAS HAT HINGEHAUEN!!
Nachdem mir der Bumerang beim Abwurf fast den Arm aus der Schulter riß, zog er die ersten 60m majestätisch davon, ohne merklich an Höhe zu gewinnen. Bei einer Distance von ca. 80 m hatte er eine Flughöhe von vielleicht 10 m. Und er flog, harmonisch höhersteigend, weiter davon: 100 m, 120 m und dann: Nichts, nur noch ein riesengroßes Loch in der Luft!!
 
Bei vorsichtiger Schätzung war das Gerät in 120 m Entfernung und 25 m Höhe schlagartig allen Beteiligten 'aus der Optik gefallen'. In diesem Stadium war die Flugbahn immer noch geradeaus, ohne jeden Ansatz zum Eindrehen gewesen.
Sekundenlang waren wir wie versteinert; keiner wollte es so recht glauben und jeder von uns guckte noch sekundenlang Löcher in die Luft. Dann ein ehr-fürchtiges Murmeln: 'Wenn DER zurückkommt! Laßt uns bloß weg hier!'
Wir verteilten uns in einem weiten Rund um den Abwurfplatz, um damit wenigstens einen 'Mehrfachtreffer' auszuschließen. So standen wir, die Arme schützend um den Kopf gelegt eine geraume Zeit da und harrten des evt. Einschlags.
Nachdem wir alle absolut sicher waren, daß der Bumerang nun wirklich wegen des zeitlichen Aspekts nicht mehr zurückkommen konnte, weil er nach einhelliger Meinung auch bei vorgegebener Flugbahn wohl gar nicht zurückfliegen konnte und wahrscheinlich auf dem Dach des Planetariums liege, sammelten wir uns und begannen unsere Siebensachen zu packen.
 
Ich beugte mich gerade zu meinem Koffer herunter, an dem noch drei Biathlons lehnten, um sie zu verstauen. In dem Augenblick krachte es gewaltig und mir flogen die Splitter dieser drei Bumerangs um die Ohren!
Ich wußte zunächst gar nicht, was los war, bis irgendjedmand sagte: 'Da ist er!'. Als mir dämmerte, was geschehen war, bekam ich weiche Knie: Wir standen mit 9 Menschen im Pulk und das 185 Gramm schwere Gerät war direkt zwischen uns mit ungeheurer Geschwindigkeit eingeschlagen - ca. 2 m hinter der Abwurflinie und einen Meter links vom Abwurfpunkt!
 
Man stelle sich vor, er durchschlug drei 4-mm-Pertinax-Bumerangs. So einer Aufprallenergie hätte keiner der menschlichen Knochen standhalten können. Glück hatten vor allem Jörg und ich:
Jörg erzählte völlig versteinert, er hätte im selben Augenblick einen kurzen, harten Schlagton direkt neben seinem rechten Ohr gehört/gespürt! - Der Rang war ihm um Haaresbreite am Kopf vorbeigeflogen! Ein Treffer hätte ihm mit Sicherheit den Schädel gespalten!
Ich selbst hatte das Glück, meinen Pilotenkoffer und die drei Bumerangs vor den Schienbeinen gehabt zu haben. Ansonsten wären sie wohl gebrochen gewesen.
 
Also, Freunde des Bumerang-Sports und vor allem des Weitwurfs: Was für den Jäger gilt, sollte auch bei uns gelten: Schieße niemals bei 'Büchsenlicht'! Mit völlig weichen Knien und dem heiligen Schwur, niemals mehr so ein Risiko einzugehen, verließen wir die Wiese und gingen in unsere Stammkneipe, um Jörgs zweiten 'Geburtstag' zu feiern.
 
Dieser Bericht sei allen eine Warnung, die gewaltige Entfernung zu unterschätzen, in der ansonsten gut sichtbare Geräte einfach im Himmel 'verschwinden' können!
 
Nachsatz:
Erst sehr viel später - nach dem ersten Schock - ging uns auf, daß dieser Bumerang eine gewaltige Entfernung zurückgelegt haben muß: Man stelle sich vor, neun erfahrene Bumerang-Freunde, die alle wissen, daß ein Gerät, das den Augen entschwunden ist immer extrem lange braucht, um wieder 'aufzutauchen', haben gewartet, bis sie ganz sicher waren, daß dieser Bumerang nicht mehr zurückkommen kann.
Und erst nach dem Sammeln und dem Beginn des 'Kofferpackens' schlug er zwischen uns ein!
 
In nachfolgenden Gesprächen mit Wilhelm Bretfeld waren wir uns alle einig, daß dieser 'Biathlon' MINDESTENS 150 m weit geflogen ist. - Wahrscheinlich jedoch weiter, als wir alle zu glauben wagen! Aber auch im Nachhinein - und das gilt bis heute - will so keine rechte Freude über diesen inoffiziellen und nicht nachmeßbaren Rekord aufkommen; hätte er doch einen von uns fast das Leben gekostet! Außerdem hatten wir wirklich Sonderbedingungen: Zum Zeitpunkt des Superwurfs blies der Wind mit bestimmt 6 WS und der Wurf konnte bei weniger Wind nicht wiederholt werden. Das Original zerbrach ein Jahr später in Frankreich dem Werfer Georg Thoms.
 
Winfried Gorny
Berner Allee 28
2000 Hamburg 72

 
   
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